Der Nationalrat behandelt in der laufenden Herbstsession 2025 die Motion 25.3430 «Kein Verbot von internationalen Adoptionen». Vor diesem Hintergrund habe ich einen Offenen Brief an die Vereinigte Bundesversammlung verfasst:
Liebe Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung
Ich wende mich an Sie in einer Angelegenheit, die mich nicht nur persönlich betrifft, sondern politisch, gesellschaftlich und ethisch von hoher Relevanz ist. Der Bundesrat hat angekündigt, internationale Adoptionen verbieten zu wollen. Dieser Schritt wird von gewissen Kreisen als übertrieben dargestellt. Doch wer sich mit der wissenschaftlichen Datenlage befasst, erkennt rasch, dass ein solches Verbot überfällig ist.
Systematische Menschenrechtsverletzungen
Internationale Adoptionen wurden über Jahrzehnte hinweg mit dem Argument legitimiert, Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Realität zeigt ein erschütterndes Bild. Unzählige wissenschaftliche Untersuchungen aus unterschiedlichen Ländern belegen systematische Menschenrechtsverletzungen im Kontext internationaler Adoptionen. Es gibt dokumentierte Fälle von Kinderhandel, Korruption, gefälschten Papieren und staatlich organisierten Zwangsadoptionen. Kinder wurden ihren Müttern gegen deren Willen weggenommen. Dokumente wurden gefälscht. Herkunftsgeschichten gelöscht. Diese Praxis hat nicht nur Familien auseinandergerissen, sondern auch Identitäten zerstört.
Trotz des Haager Übereinkommens von 1993 und der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 ist es nicht gelungen, diese Missbräuche zu verhindern. Diese Vorgänge finden nicht am Rand der Legalität statt, sondern mitten in einem internationalen Markt: Wo Geld fliesst, gibt es Profiteure, und diese handeln nicht im Sinne des Wohles der Schwächsten. Die Kinder, um die es eigentlich gehen sollte, zahlen den Preis.
Lebenslange Folgen für betroffene Kinder
Sie verlieren nicht nur ihre Familien, sondern auch Sprache, Kultur und ihre Vorgeschichte. Abgesehen von ihrer Herkunft, die oft nicht mehr rekonstruiert werden kann, sind Kinder aus anderen Kulturkreisen mit anderen Ethnien einer erheblich grösseren Gefahr ausgesetzt, an Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen zu leiden. Sie werden nicht selten aufgrund ihres Andersseins ausgegrenzt und diskriminiert. Ein Kind aus Gründen einer romantischen Vorstellung von Familie diesem Setting auszusetzen, scheint mir auf allen Ebenen falsch zu sein und kann Langzeitfolgen mit sich bringen, die sich über das gesamte Leben auf die physische und psychische Gesundheit auswirken.
Meine persönliche Geschichte als Betroffene
Ich bin selbst betroffen. 1972 in Südkorea geboren, 1976 in die Schweiz gebracht. In der NZZ Format Dokumentation «Umstrittene Auslandsadoptionen», die kürzlich auf SRF ausgestrahlt wurde, nehme ich die Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf eine Reise zurück an den Ort, an dem meine Wurzeln liegen. Ich versuche zu zeigen, wie verloren sich ein Mensch fühlen kann, der mehrere Bindungsbrüche erlebt und überlebt hat. Meine Adoption war nicht missbräuchlich im herkömmlichen Sinne. Sie war Teil einer Praxis, deren Nachhall bis heute spürbar ist. Mit der Adoptionspraxis, die Korea initiiert hat und in der über 200’000 Kinder in alle Welt verschickt wurden, wurde eine Industrie auf Kosten von Kindern aufgebaut, die heute erwachsen sind und mit ihrer Geschichte hadern.
In meinem Buch erzähle ich diese, meine Geschichte, und in meinem Podcast spreche ich unter anderem mit Fachpersonen. Der Tenor ist eindeutig. Die internationale Adoptionspraxis ist kein ethisch vertretbares Instrument der Familienbildung, es braucht ein Verbot.
Ein Instrument aus der Zeit gefallen
In den letzten Jahren wurden pro Jahr übrigens nur noch rund zwei Dutzend Kinder aus dem Ausland in die Schweiz adoptiert. Es stellt sich die Frage, ob es vertretbar ist, erhebliche staatliche und diplomatische Ressourcen für eine Praxis einzusetzen, die weder zahlenmässig relevant noch ethisch vertretbar ist.
Verantwortung heisst, vor Ort zu helfen
Internationale Adoptionen werden oft noch immer als Akt der Hilfe dargestellt. Doch wer einem Kind nachhaltig helfen will, tut dies nicht, indem er es aus seinem Herkunftsland entfernt. Die humanitäre Schweiz verfügt über die Mittel und die Strukturen, um Kinder dort zu unterstützen, wo sie leben. Wer medizinische Versorgung, Bildung und soziale Sicherheit vor Ort gewährleistet, schützt Kinder, ohne sie entwurzeln zu müssen. Eine solche Hilfe ist wirksam, langfristig und menschenrechtlich vertretbar.
Notwendige Konsequenzen
Dabei werden Familien, die bereits Kinder angenommen haben, mitnichten stigmatisiert, denn niemand hat je behauptet, alle Adoptionsverfahren seien missbräuchlich abgewickelt worden. Es geht nicht mehr um Schuld an dem, was war, sondern um die Konsequenz und das Learning daraus.
Die Schweiz hat als Unterzeichnerin der UN-Kinderrechtskonvention die Pflicht, in diesem Bereich klare Massnahmen zu ergreifen. Ein Verbot wäre kein Angriff auf bestehende Familienkonstellationen, sondern ein notwendiger Schritt zum Schutz der Verletzlichsten. Es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen für das, was war, und für das, was nicht mehr sein darf.
Ich bitte Sie darum, sich an den Fakten zu orientieren, zuzuhören, was Betroffene und Fachpersonen sagen, sich Ihrer Verantwortung bewusst zu sein und das angekündigte Verbot internationaler Adoptionen zu unterstützen.
Freundliche Grüsse
Rebekka Allemann (Hanbekks)
Quellen:
Abraham, Andrea / Bitter, Sabine / Kesselring, Rita: Mutter unbekannt – Adoptionen aus Indien in den Kantonen Zürich und Thurgau, 1973–2002, Chronos, 2024. Umfassende Analyse von über 2 000 indischen Adoptionen in der Schweiz mit Archivstudien, Interviews, Befunden zu Behördenversagen und Identitätsverlust.
Gautschi, Nadine et al. (2025): „Erfahrungen von adoptierten People of Color aus der Schweiz – eine qualitative Pilotstudie“, BFH. Einblick in Rassismuserfahrungen, Tabuisierung im familiären Kontext.
Keller Samuel / Gabriel, Thomas (2024): „Wie geht es Kindern mit mehreren Eltern im Verlauf des Aufwachsens? Ergebnisse der Zürcher Adoptionsstudie”
ZHAW – Mixed‑Methods-Längsschnittstudie zu Wohlbefinden und Anpassung nach Adoption.
SRF, „Illegal adoptiert: Jovita Bielers Suche nach der Wahrheit“, 09.02.2025 – Fallbeispiel einer angenommenen indischen Adoption mit Hinweisen auf fehlende Dokumente und dubiose Praktiken.
Hanbekks: “IMPORTKIND”
Podcast “IMPORTKIND”, abrufbar via Spotify und Apple Podcast
Weitere Informationen: https://hanbekks.ch/
