“Ein Kind in grosser Not”

So bezeichnete die Dame vom Amt für Jugend und Berufsberatung das vierjährige Ich, über das eine 310-seitige Akte im Archiv liegt, um mich auf den Inhalt vorzubereiten.

Es ist Freitagmorgen, 30. Januar 2026. Ich sitze in Oerlikon in einem Sitzungszimmer und beginne zu lesen.

Meine Adoption war legal. So legal, wie nötig. 

Ich lese den Antrag der ersten Pflegefamilie auf „kein dunkles Kind“.

Ich lese, dass ich am 11.09.1976 eine Woche in der Quarantäne in La Neuveville verbrachte und von dort, entlaust und entwurmt, von der Pflegefamilie abgeholt wurde.

Als mich die zuständige Mitarbeiterin der Pflegekindfürsorge fünf Monate später bei einem Besuch apathisch und mit dem Gesicht an die Wand gestanden vorfand, wies sie mich notfallmässig in die Psychiatrische Klinik ein.

Die Pflegemutter gab zu Protokoll, dass ich auf der Heimfahrt von La Neuveville bereits, und “später immer in Gegenwart des Pflegevaters erbrochen hätte. Ihr sei aufgefallen, dass Martina immer erbrach, wenn Herr X dabei war. Sie hätten ihr mehrmals Schwarztee gegeben. Als Martina diese „Unart“ weitermachte und nur in Gegenwart Herrn X brach, gaben sie ihr nichts mehr zu essen.“ und zu ihrer Verteidigung „Sie betonen, dass das auch genützt hätte.“

Ich war vier Jahre alt.

„Martina hätte deutsch gelernt, mit dem (leiblichen) Sohn gesprochen, aber nie mit den Pflegeeltern. Martina sei nur noch zum Essen gekommen. Mit der Zeit sei Martina eine immer grössere Enttäuschung gewesen.“

Und später: „Martina sei immer hinausgegangen, wenn die Eltern in einem Zimmer waren. Frau X fühlte sich enorm bestraft, als Martina immer am gleichen Ort stand, nie ein Wort sprach. Sie hätte sie nach mehreren Annäherungsversuchen einfach stehen lassen.”

Die Diagnose der PUK vom Februar 1977: Schwere Depression mit verstörtem Verhalten, elektivem Mutismus, Nässen und Haarausfall.

Nach fünf Tagen im Heim schreibt eine Ärztin: “Ich treffe Martina, die mir bei der Notfallmeldung als vollkommen verstörtes, mutistisches und apathisches, passives, depressives Kind mit Enuresis und Enkopresis geschildert worden war, kurz nach Eintritt auf der Gruppe. Sie ist ein ansprechend wirkendes, herziges, sehr kleinwüchsiges Koreaner-Mädchen von ganz kleinkindlichem Aspekt, das von den geschilderten Auffälligkeiten kaum etwas erkennen lässt.“

Ich sehe den Antrag der zweiten Familie, die „ein Inderli oder N….li“ wünscht, weil die nicht so teuer sind.

Die Terre des hommes hoffte indes, dass ich „nicht allzu grossen Schaden bei den Pflegeeltern erlitten hat“. So steht es in den Akten. 

Drei (!) Tage, bevor ich notfallmässig in die Psychiatrische Klinik eingeliefert wurde, schrieb sie nach Korea ( 🤯 ):

„This little girl has been giving problems to her family as she seems not to have been prepared in Korea about the exact reasons for her departure. She has been sulking, passive, not taking part in the games of the other children. It is only since her parents told her clearly she was not going back to Korea that her attitude improved a little. It is a pity because she is intelligent, speaks and understands German well already. Her health and appetite are good. Her parents hope she will accept them in the end because they are attached to her.“

Lustig.

Und mit lustig meine ich verdammt verlogen und entlarvend für eine “Kinderrechtsorganisation”, die über Jahre den kommerziellen Kinderhandel befeuert hat. 

Und jetzt, liebe Adoptions-Schönredner und insbesondere alle Parlamentarier, die im Herbst noch der Motion 25.3430 „Kein Verbot von internationalen Adoptionen“ zugestimmt haben: Schaut mir gern in die Augen. Vielleicht seht ihr darin ein vierjähriges Mädchen. Dann erklärt ihm, warum genau ihr gegen ein Verbot von Auslandsadoptionen gestimmt habt. Ich und das vierjährige Kind in mir würden darüber gern Genaueres erfahren.

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